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Blätterrauschen und Fluglärm: Klanglandschaften im Hochgebirge

29.04.2026

Uta Schirpke erforscht die Soundscapes der Alpen. Wie der Mensch die Klanglandschaft beeinflusst - und wann wir überhaupt noch Natur hören.

Seilbahn in den Alpen

Menschgemachte Geräusche dringen immer weiter in die entlegensten Regionen der Alpen vor. | © Linda Wagner

Was hört ihr gerade? Verkehrslärm vor dem Fenster? Gespräche von Kolleg*innen im Büro? Den Wind in den Bäumen, oder eher Tastaturgeklapper?

Die meisten Geräusche, die uns im Alltag umgeben, sind menschengemacht; in den Städten übertönt eine urbane Geräuschkulisse die Natur. Und das ist längst kein Stadtproblem mehr: Selbst in entlegenste Gebiete dringen von Menschen gemachte Geräusche vor. Prof. Uta Schirpke und Dr. Manuel Ebner haben Klanglandschaften von mehr als 40 Orten rund um das bayerische Garmisch-Partenkirchen untersucht und festgestelt: Selbst an scheinbar unberührten Orten im Hochgebirge verlieren wir unsere akustische Verbindung zur Natur.

Das sind Soundscapes

Soundscapes, oder Klanglandschaften, sind das akustische Äquivalent zur Landschaft: So wie eine Landschaft alles umfasst, was man sieht, bezeichnen Soundscapes alle hörbaren Geräusche. Uta Schirpke und Manuel Ebner kategorisieren diese in vier Gruppen:

  • Geophonie (von Erde und Atmosphäre erzeugte Geräusche: Wind, fließendes Wasser, raschelnde Blätter)
  • Biophonie (von Wildtieren erzeugte Geräusche: Vogelgezwitscher, Summen von Insekten)
  • Anthropophonie (von Menschen erzeugte Geräusche: Stimmen, Hundegebell, Kuhglocken)
  • Technophonie (technisch erzeugte Geräusche: Autos, Flugzeuge, Industriemaschinen)

Wie wir Soundscapes erforschen

Das Forscher*innenteam installierte 41 Messpunkte in unterschiedlichen Habitaten wie Mooren, Wäldern, Almweiden, Wiesen und Felsgebieten. Die resultierende Datenmenge war riesig: 146.000 einminütige Aufnahmen hatten die Forschenden nach der Bereinigung der Dateien zur Verfügung - das entspricht etwa 102 Tagen ununterbrochenem Audio-Material. Nach einem Sampling analysierten sie 820 Dateien und konnten genau bestimmen, welche Geräusche in welchen Umgebungen dominieren.

Die Ergebnisse

  • Zeitliche Muster: Klanglandschaften folgen dem Tageszyklus: dem natürlichen Rhythmus von Sonnenauf- und -untergang. Während der Tagesstunden wurden die "Bio-" und "Geo"-Geräusche oft von Flugzeugen, Verkehr und Landmaschinen übertönt. Erst im Laufe der Nacht gewannen Wind und Wasser ihre Dominanz zurück.
  • Räumliche Muster: Die Zusammensetzung der Geräusche, die wir wahrnehmen, wird durch menschliche Infrastruktur, Topografie und Bodenbedeckung beeinflusst. Technophonie, wie Straßenverkehr und Maschinen, dominiert meist die Talböden und angrenzenden Hänge, während Fluglärm besonders in höheren Lagen präsent ist. Mit zunehmender Höhe und Entfernung zu menschlicher Infrastruktur nehmen technologische Geräusche ab, während die Geophonie mit der Höhe und die Biophonie mit der Entfernung zur Straße zunimmt. Insgesamt ist die akustische Vielfalt in Talböden, an Hanglagen und in Waldgebieten am höchsten.
  • Dominanz der Technophonie: Technophonie ist zu einer der am weitesten verbreiteten Geräuschquellen in Bergregionen geworden. Verkehrs- und Fluglärm sind selbst in abgelegenen Regionen hörbar. Daraus entsteht ein Maskierungseffekt: Kontinuierliche Hintergrundgeräusche erschweren die Wahrnehmung natürlicher Klänge.

Darum ist das wichtig

Eine längere Belastung durch technischen Lärm kann Stress erzeugen und hat negative Auswirkungen auf kognitive und physiologische Funktionen. Eine subtilere Folge ist außerdem, dass wir uns an künstlichen Lärm gewöhnen - und dadurch natürliche Geräusche wie Vogelgezwitscher, Wind oder Wasserplätschern nicht mehr so leicht wahrnehmen und unterscheiden können.

Auch Tiere sind von ständigem Lärm betroffen: Viele Arten, wie zum Beispiel Vögel, verlassen sich auf ihre Stimme zur Kommunikation und Navigation. Lärmverschmutzung kann ihr Fressverhalten, die Fortpflanzung und damit das gesamte Ökosystem stören.

Das können wir tun

Um Lärmverschmutzung zu bekämpfen, müssen wir auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen. Politisch können Maßnahmen wir Verkehrsregulierungen, Fahrzeugbeschränkungen und das Ausweisen von Ruhezonen die Lärmbelastung reduzieren. Lokal können bauliche Maßnahmen helfen, wie etwa Lärmschutzwände oder strategisch platzierte Vegetation Lärmquellen zu reduzieren.

Außerdem können wir ganz individuell versuchen, wieder bewusster zu hören. Könnt ihr gerade Vögel hören? Das Rascheln der Blätter? Fließendes Wasser in der Nähe? Achten wir auf natürliche Geräusche in unserem Alltag kann das Stress reduzieren - und uns dabei helfen, die Natur wieder mit neuen Ohren zu hören.

Hier gibt's noch mehr Infos zu Soundscapes und Uta Schirpkes Forschung

So sieht eine Soundscape-Analyse aus:

0:22 | 30.04.2026

Kühe auf einer Alpwiese

Tagsüber prägen vom Menschen verursachte Geräusche, wie zum Beispiel Viehgeräusche, die alpine Klanglandschaft. Erst nachts übernehmen natürliche Geo- und Biophonie die Oberhand.

© Uta Schirpke